KONZERNZENTRALE VOLKSBANK WIEN

NEUBAU IN HISTORISCHEM BESTAND, INTEGRATION UND AUSBAU ALTBAU

Von Isabella Marboe
„Das neue Kundenzentrum der Volksbank liegt im Kerngebiet des Wiener Weltkulturerbes. Carsten Roth reagierte darauf souverän. Der Neubau bildet mit dem sanierten Bestand einen klassischen Block, seine Lochfassade ist eine raffinierte Transformation der Gründerzeit. Im folienüberdachten Hof in der Mitte aber werden textil umhauste Türme zur exklusiven Skyline.

Transformierte Geschichte
Die Gründerzeit ist die Epoche, die Wien am maßgeblichsten prägte. Auch die klassische Moderne wirkte auf das baukulturelle Selbstverständnis der Stadt stark ein. Auf reich verzierte historistische Fassaden folgten die Nüchternheit unverfälschter Materialien und das Postulat des ablesbaren Kräfteverlaufs. Adolf Loos forderte von jeder Veränderung, dass sie eine Verbesserung bringen müsse. Der Um- und Ausbau der Konzernzentrale der Österreichischen Volksbanken-AG von Carsten Roth ist eine zeitgemäße Antwort auf diese spezifische Wiener Gemengelage. In ihrem neuen Headquarter verdichtet sich reflektierte Stadterfahrung zu einem Stück Architektur, das eine Symbiose aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bildet.

Das Grundstück der österreichischen Volksbanken AG liegt in der Kernzone des UNESCO-Weltkulturerbes im neunten Wiener Gemeindebezirk. Seit über 50 Jahren gibt es die Zentrale in der Peregringasse. Sie bildet die nordöstliche Längsflanke eines Blocks, dessen Schmalseiten im Nordwesten von der Kolingasse und im Südosten von der Maria-Theresien-Straße eingefasst werden. Im Südwesten verläuft die Liechtensteinstraße. U-förmig fasst ein prächtiges Gründerzeithaus mit Rustikagestein und Rundbögen im Sockel, schmucken Balkonen, Gesimsen, Fensterstürzen und Attika die östliche Hälfte des Blocks ein, der im Westen von zwei Häusern aus den 1970ern und weiteren Zubauten komplettiert wurde. Rundherum hat die Bank viele Filialen.

Wiener Lösung
Die Lage im Weltkulturerbe ist delikat. Daher schrieb die Volksbanken AG in Kooperation mit der Stadt Wien und dem Bezirk einen geladenen Wettbewerb für den Ausbau ihrer Zentrale aus, bei dem Carsten Roth gewann. Sein Projekt ist städtebaulich sehr sensibel: Das Gründerzeithaus – und damit 51% des Bestands – blieb erhalten. Der Rest wurde abgerissen und durch einen Zubau mit einer raffinierten Lochfassade ersetzt, der u-förmig den Block zum neuen Ganzen schließt. Seine Büroebenen bilden mit dem aufwändig unterfangenen, achtsam sanierten und entschlackten Bestand ein zusammenhängendes Kontinuum, das sich in der gemeinsamen Mitte eines phänomenal gestalteten Hofs verzahnt. „Alle Banken möchten Teil einer Sky-Line sein“, sagt Carsten Roth. „Wir aber wollten weder ein Hochhaus, noch einen Glaspalast ins UNESCO-Weltkulturerbe stellen.“ Außerdem setzte sich Roth ein Bürokonzept zum Ziel, das sich vom üblichen Mittelgang-Typ abhebt. An die 750 Menschen arbeiten in der Bank: sie sollten nicht am Hof sitzen, sondern Fenster auf die Straße haben. Alle Stiegenhäuser, Sanitär-, Nebenräume, Teeküchen und Besprechungsboxen wurden ausgegliedert und zu kompakten Türmen im Hof gestapelt. Die docken nun an einem umlaufenden Flur an und kreieren der Volksbank ihre exklusive Sky-Line im Atrium. Das ist atmosphärisch dicht, räumlich spektakulär und spielt die Büros von dienenden Funktionen frei. Am verbindenden kommunikativen roten Faden des Innengangs aufgefädelt, liegen sie in lichtdurchfluteten, offenen Räumen mit Blick in die Stadt.
Die Wiener Antwort auf die glitzernden Bürotürme der internationalen Bankenwelt ist die perfekte Illusion von Unendlichkeit. In diesem 26 Meter hohen Atrium verliert sich der Sinn für Dimensionen. Die Türme sind in weißes, unbrennbares Glasfasergewebe gehüllt, das auf Rahmen gespannt ist. Sie wirken körperlos abstrakt und spiegeln sich im schwarzen Boden. Das erzeugt eine intensive, entgrenzende Raumerfahrung, die vom transluzenten Dach aus schwer entflammbarer ETFE-Folie noch verstärkt wird. Die dreilagigen, aufblasbaren Kissen auf den filigranen V-Stützen reinigen sich selbst und hängen von Stahlseilen abgespannt vor dem milchigen Himmel. „Uns war wichtig, weiche Materialien zu verwenden, damit der Raum diffus wirkt und sich ausdehnen kann“, sagt Carsten Roth. In diesem Atrium kann man einander treffen und Veranstaltungen effektvoll über die Bühne gehen lassen. Franzobel schrieb dafür das Stück „Die Pappenheimer“, dessen Text Eva Schlegel in Schriftbändern über die Glastüren der Büros im Altbau laufen ließ. Für die Gestaltung der Türme gab es einen Wettbewerb, bei dem Otto Zitko siegte. Er ist gerade dabei, sie mit abstrakten Linien zu überziehen.

Gründerzeit reloaded
Von einer gläsernen Naht klar abgesetzt, fügt sich der Zubau harmonisch in den Block. Seine Fassade ist aus präzise verarbeitetem Sichtbeton, dem eine marmorierte Oberfläche die Anmutung von weißem Travertin gibt. Im Büro von Carsten Roth wurde dafür der Terminus „schalungsreiner Kunststein mit travertinartiger Oberfläche“ erfunden. Vor- und rückspringende Betonpfeiler in drei Tiefen und raumhohe Öffnungen von unterschiedlicher Breite transformieren die Plastizität der Gründerzeit in die Gegenwart. Ihre divergierende Größe macht in moderner Tradition den Kräfteverlauf spürbar. Denn die Masse dieser Kunststeinwand ist eine statisch optimierte, mehrgeschoßige, perforierte Scheibe, die von einem Vierendeelträger abgehängt an wenigen Auflagerpunkten in den Stahlbetondecken des Zubaus verankert ist. Optisch wirkt sie als lebendige Mittelzone der klassisch komponierten Fassade, während oben das zurückgesetzte, schrägverglaste Dachgeschoß als verbindende Klammer Alt und Neu umschließt. Nachts, wenn das Licht brennt, zieht es sich wie ein leuchtender Reif um den ganzen Block. 

Von Kopf bis Fuß besonders
In der Kolingasse löst sich das gläserne Erdgeschoß gleichsam in Licht und Glas auf. Hinter dem Windfang öffnen zwei Schlitze den Blick quer durch das Haus und machen seine Dimensionen erlebbar. Die ganze Eingangsfront stützenfrei zu halten und die Fassade über dem transparenten Sockel schwebend wirken zu lassen, war eine herausragende Leistung des Büros Bollinger + Grohmann. Die Lasten werden auf Stahlbetonscheiben, die an den Seitenflanken hinter der Glasschicht liegen, abgeleitet. Auch die kirschholzverkleidete Wand im zweigeschoßigen Foyer trägt mit. Scheinbar unendlich spiegelt sich der Schriftzug „eins durch unendlich – unendlich durch eins“ von Brigitte Kowanz im schwarzen Glas an der Decke. Eine Stiegenkaskade mit Podest und eine Brücke zur Konferenzraumspange im ersten Stock machen aus der Notwendigkeit, die Garageneinfahrt zu überbrücken, ein räumliches Erlebnis. Um eine Ebene angehoben, entfaltet dahinter das Atrium seine faszinierende Wirkung. Es mündet in eine lichte, großzügige Kantine. Alle Büros im Zubau haben zweiteilige, öffenbare Verbundfenster mit schwarzen Alurahmen und Jalousien in der Mitte, die Betondecken sind unterseitig mit einer Kapillarkühldecke ausgerüstet und geputzt, es gibt kontrollierte Be- und Entlüftung. Glasschwerter rhythmisieren die Transparenz im sechsten Stock, nehmen so die Fassadengliederung auf und bieten Panoramablicke im Cinemascope-Format. Über der kunststeinernen Attika, deren Höhe sich an die Gesimskante des Bestands hält, kann man sogar auf einen Balkon treten. In diesem Haus ist selbst die Tiefgarage mit ihren 140 Stellplätzen besonders. Jeder Mitarbeiter nannte drei Lieblingsbücher, die Fotos ihrer Rücken machen das Parkdeck mit der froschgrünen Decke und dem hellen Gussasphalt zur symbolischen Bibliothek: ein literarisches Porträt der Menschen, die hier parken.“ 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von
Isabella Marboe und Springer Verlag, Wien – New York
„Ein Wiener Haus von Welt“, erschienen in „architektur.aktuell“ Nr. 03/2011  

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