DRUCKEREI OPTIMAL MEDIA

Druckerei in Röbel an der Müritz

Von Klaus Dieter Weiss
„Das ökologische Argument ist vor allem, intakte Gebäude nicht abzureissen, sondern zu erneuern. Wie von Claude Lévi-Strauss in «Das wilde Denken» beschrieben, entstehen so strukturierte Gesamtheiten «durch Verwendung der Überreste von Ereignissen».

Auch bei diesem ersten vollständigen Neubau, der in seiner gebrochenen Struktur fast glauben macht, er schliesse hinter einem Aluminiumschleier in Teilen Vorhandenes zu einer Einheit zusammen, setzt der Architekt in weithin freier Landschaft, 90 Kilometer südöstlich von Schwerin, Vorgefundenes um: ein zu schnell und zu pragmatisch gewachsenes CD-Presswerk samt angeschlossener Druckerei für die Textbeilagen. In der Nachbarschaft eine aufgegebene Silo-Anlage: silbrig glänzende, in Wellblech gekleidete Zylinder, die in ihrer Doppel- Reihung wie riesige Motoren wirken, denen die dazugehörige Titanic abhanden gekommen ist. Im Gegensatz zu diesem Le Corbusier architektonisch motivierenden Motiv ist Technik für Roth – wie für Joseph Hanimann in seinem brillanten Essay «Vom Schweren» – kein Wert an sich, selbst im Industriebau nicht: «Was die Technik mit der Maschinenkraft des späten neunzehnten Jahrhunderts tatsächlich an physischer Schwerarbeit abnahm, warf sie gleichsam als sublimierte Schwere von Monotonie, stereotyper Wiederholung, unabwendbarem Normverhalten und psychischer Dauerspannung auf sie zurück.»

Sichtbar wird diese Haltung in einem «spiegelverkehrten» Materialeinsatz. Raumbildendes Element ist eine hauchdünne, stark profilierte Aluminiumhaut, die aus ihrem heimischen Territorium Dach (dem blieb lediglich eine Foliendichtung) an die Fassade vertrieben wurde; bei allen Schwierigkeiten, die das zunächst bedeutete: Scharniere der nach aussen öffnenden «Tapeten»-Türen, Ableitung des Regenwassers, geschweisste und nachlackierte Eckausbildungen… Aber nicht nur, dass diese Elemente ihre ausgeprägte Plastizität in der Licht- und Schattenwirkung der Fassade viel besser unter Beweis stellen können. Der Architekt verlangte als zweites Grundelement dieses komplexen Sprachgebäudes bzw. der für eine Industriehalle dieser Dimension (76 x36 m) sehr innovativen Gebäudesprache gelochte Elemente desselben Typs, die gar nicht auf dem Markt waren: als Verrätselungsinstanz der Fenster (die damit zum Teil ungesehen preiswerter ausfallen konnten). Abgesehen von neuen technischen Schwierigkeiten, die aus dem Verwischen der Fassade entstanden und gelöst sein wollten (Windlast, Fluchtweg, integrierter Sonnenschutz, Regendurchsatz, Reinigung der Fenster) ergibt sich vor einem Hintergrund aus schwarzbraunen harzgebundenen Holzfaser-Tafeln eine bizarre Tiefe und Grenzenlosigkeit der Fassade, die erst bei Dunkelheit und beleuchteten Räumen die Auflösung ihres Vexierbilds preisgibt. In umgekehrter Blickrichtung erscheint die Landschaft wie in gerahmten Bildern: bei dunstigem Wetter nur in den gelochten Feldern glasklar, im Sonnenlicht in einem überraschenden Schattenspiel.

Grenzenlosigkeit und Tiefe sind völlig unerwartet das Thema auch im Innenraum bzw. schon im Aussenraum des Eingangs unmittelbar hinter der Fassade, der eine Brandwand einspart. Der Eingangsbereich im Obergeschoss, ausgebildet als verdeckte Arkade bzw. Schein- Atrium, formuliert zum einen eine grosszügige räumliche Begrüssungsgeste für täglich 4x 250 Mitarbeiter, zum anderen kommt der Bau auf diese Weise mit einem einzigen Kern und Fluchttreppenhaus aus, indem die Brandabschnitte dank automatischen Toren kaum zu finden sind. In weiten Längs- und Querpässen sind über Glasfugen Sichtverbindungen durch sämtliche Bereiche geschlagen. Überall ist das Bild der Landschaft mit ihrem roten Klatschmohn präsent. Die geschosshohen Fachwerkträger, die im Erdgeschoss für Stützenfreiheit und Flexibilität sorgen, wirken noch in der Küche der Kantine nach, die wie ein Kunstobjekt hinter Glas gesetzt ist. Der rote Tresen mit seiner ausgefuchsten Funktionalität und seine Pendants in den Empfangszonen der Büros sind in jedem Detail architektonische Argumente.

Mit dem Ziel, die Nachkriegsmoderne aus Glas, Stahl und Beton mit all ihren Metastasen in ihrer Ideologie des Leichten und Durchschaubaren zu überwinden, ohne die Stadt in Stein erstarren zu lassen, geht bei Carsten Roth das architektonische Motiv einher, die Welt in der skulpturalen Auflösung ihrer Kompaktheit zu suchen, Architektur als Wahrnehmung des Kleinen, Mobilen und Leichten zu verstehen.“

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von
Klaus Dieter Weiss und werk, bauen + wohnen Verlag, Zürich, Schweiz
„Scheinbar kompakt“, erschienen in „werk, bauen und wohnen“ September 1999   

 
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