ATELIER HANSENHAUS

Umbau und Erweiterung eines Gewerbebaus zu einem WohnateliER

Von Claus Käpplinger
„Ungewöhnlich war schon der Umbau einer alten Autofabrik in einem Hamburger Hinterhof […]. Der Architekt Carsten Roth hatte das Fabrikgebäude an der Rentzelstraße in eine Schule des Sehens verwandelt. Nun folgt der Umbau eines Seitengebäudes zu einem Wohnatelier. Wiederum wurde das Vorgefundene erhalten, wenngleich es sich in diesem Fall um einen zweigeschossigen Behelfsbau der Nachkriegszeit handelte. Dessen unzureichende Struktur war jedoch Anlass für eine umfangreiche Überformung und Erweiterung.   

Mit wenigen chirurgischen Eingriffen wurde das Innere aufgewertet und in Beziehung gesetzt zu vielfältigen Raumschichten wechselnder Licht- und Blickdurchlässigkeit, die sich um den Alt- und Neubau legten. Ein Raumobjekt ging daraus hervor, das ein halsbrecherisches Spiel mit Licht und Raum treibt, das Kontemplation mit einem Schuß Extrovertiertheit auf einer sehr begrenzten Grundfläche in diesem unwirtlichen Territorium kleiner Gewerbebetriebe zu verbinden sucht. Ein gewagtes Unternehmen, dessen komplexe Energie und Materialität weit in den Außenraum hinausgreift, so daß der Hof zur dramatischen Bühne und meditativen Zelle zugleich wird. Und das so überzeugend, daß dem daraus hervorgegangenen Ensemble von Fabrik und Wohnatelier der Hamburger BDA-Preis verliehen wurde. Ein Hinterhof ist ein Hinterhof, grünes Idyll oder lärmende Werkstätte, zumeist geheimnisvoll, da Blicken von Fremden entzogen. Dies gilt umso mehr für den Hamburger Hinterhof Rentzelstraße 10, zu dem zwei gewundene Wege durch enge Hausschluchten führen, vorbei an Brandwänden, wildem Grün und unansehnlichen Schuppen. Es bedarf schon einiger Schritte in das wilde Niemandsland hinein, um des Wohnateliers ansichtig zu werden, von dem sich dann jedoch der Blick kaum mehr lösen läßt. Ein eigenwilliges Schaufenster, eine aufgetürmte gläserne Wand, die über den zu beschirmenden Raum hinausläuft, läßt das Auge über die Fassade streichen. Ihre Folien unterschiedlicher Transparenz treten vor den nüchternen, weiß verputzten Altbau. Lichtreflexe und Spiegelungen, die Verschattungen auskragender Gitter und solider Wandplatten sorgen für ein faszinierendes Verwirrspiel, in dem Grenzen verschwimmen, scheinbar allein Details Orientierung bieten. Außen und Innen werden zu einer Frage architektonischer Rhetorik. Dem Willen des Architekten unterworfen, scheinen Lasten und Tragen vollständig ihre Bedeutung verloren zu haben. Die weit gespannte Deckenplatte knickt abrupt nach oben, nur um dem Höhendrang des gläsernen Vorhangs zu weichen. Unter einem breiten Unterzug setzt nicht minder unvermittelt eine andere Betonplatte an, um sich danach mit bedrückender Last über den Eingang zu legen, bar des guten Geschmacks und jeder Eleganz. Demonstrativ freigestellte Stahlträger erwecken den Anschein, zum Teil die Last des auskragenden Obergeschosses zu tragen und bieten dennoch nur dem Garagenvordach einen Halt.   

Es ist eine beunruhigende Architektur mit befremdender Grammatik, weniger ein Haus als ein eigensinniges Raumobjekt, das auf den Betrachter zuzustreben scheint, ihn mit vielen Gesten zu umfangen trachtet. Tief in den Hof hinein erstreckt sich auf einer Seite die langgestreckte Freitreppe, die zum Teil von einem freistehenden Stahlrahmen umschlossen wird. Später einmal einer Laube gleich bewachsen, ist jeder Rahmen eine Facette des dominanten Grundthemas, einer sich beständig unter dem Licht wandelnden Räumlichkeit. Die Schichten unterschiedlicher Materialität und Perforation dienen allein dazu, dem Licht wechselnden Widerstand wie Widerschein zu bieten. Sie lassen eine Räumlichkeit fließender Übergänge und harter Oppositionen entstehen, die im Lauf eines Tages und der Jahreszeiten in ganz unterschiedlichem Maß wahrgenommen werden können. Eine Räumlichkeit, die expansiv in den Hof ausgreift und sich dennoch im Innern eher introvertiert zeigt. Überaus klar und ruhig ist die innere Organisation. Zwischen zwei Zonen wechselnder Lichtintensität erstreckt sich der große Wohnraum. Ein Oberlichtshed entlang des Gebäuderückens wirft wandlungsreiche Lichtmuster auf das Holzparkett und den betont grob gehaltenen Sichtbeton der Wände. Die nur partiell transparent ausgeführte Oberfläche zum Hof tritt teilweise hinter eine in den Raum ragende Wandscheibe zurück, mit der die Flucht des Altbaus eine Fortsetzung findet. Durch bedruckte und klare Glasscheiben, unterbrochen von dem freien Rhythmus der hölzernen Öffnungsflügel, die schon beim Umbau der Fabrik eingesetzt wurden, zerfällt sie in verschiedene Blick- und Lichtsequenzen, schafft dem Raum die notwendige Intimität des Wohnens. Zwei ineinander verschränkte und in den Raum eingestellte Kuben stellen eine Verbindung zum Außenraum her und nehmen die Nebenfunktionen einer Kammer und eines Bades auf. Der Ort der größten Intimität, das Badezimmer, findet sich dabei in einem aluminiumverkleideten Kubus verborgen, in dessen Wellenhaut sich Licht und Nutzer verblüffend reflektieren. Nicht weniger überraschend ist die Verbindungstür zu den Büroräumen im Altbau. Ihre beiden rechtwinkeligen Flügel zeigen die Tiefe der zu durchquerenden Brandwand und zugleich die Naht zwischen Alt und Neu auf. Eine andere Lichtzone beginnt, der neutrale Arbeitsbereich weiß gestrichener Wände, die durch ein Oberlichtband und die seitlichen Fenster eine ungerichtete Belichtung erfahren. Die drehbaren Senk-Klapp-Flügelfenster erweisen sich dabei als überaus funktional, angesichts einer sehr begrenzten Nutzfläche.  

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von
Claus Käpplinger und Springer Verlag, Wien – New York 
„Eine Schule des Lichts“, erschienen in „architektur.aktuell“ Nr. 04/1996  

 
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